Da, wo die Toskana ihre berühmteste Postkarten-Landschaft zeigt, mitten im Val d’Orcia, liegt ein Aussichtspunkt, den man ohne Markierung auf Google Maps kaum entdecken würde.
„Viewpoint cypress road La Foce“, an einer staubigen Nebenstraße, in die sich nur selten jemand verirrt.

Hier standen im Februar 2025 Matteo und Michele, zwei Freunde Ende Zwanzig aus Bologna.
Sie waren unterwegs im Val d’Orcia auf der Suche nach einem Haus. Dem perfekten Haus für ein Agriboutique, in einer der begehrtesten Landschaften der Toskana.

Und obwohl das Val d’Orcia in jedem Reiseführer steht und es seit Jahrhunderten von Künstlern und Schriftstellern besungen wird, stehen hier noch immer alte Bauernhäuser leer – verlassen, überwuchert, dem langsamen Verfall überlassen.
„Stell dir vor, wir könnten das Haus da kaufen.“
Mit diesem Satz blickten sie auf ein einsames Landhaus auf einem Hügel, zu dem sich eine Zypressenallee im Zickzack hinaufzog. Ziemlich unwahrscheinlich erschien es, dass ein solcher Ort nicht längst von einem internationalen Käufer entdeckt worden war.


Kurze Zeit später tauchte genau dieses Haus als Verkaufsanzeige auf.
Das Landhaus, das – wie viele andere in der Gegend – von den Kindern der Besitzer nicht übernommen worden war, zog sie sofort in seinen Bann. „Das Gras drumherum stand mir bis zur Brust, das Haus stand einige Zeit leer“, erinnerte sich Michele.
Sie entschieden sich trotzdem dafür.
Innerhalb weniger Monate verwandelten sie das über 100 Jahre alte Bauernhaus in das kleine Agriboutique Vitalenta („langsames Leben“) – ein Ort, der seit dem Sommer 2025 Gäste empfängt.
Raus aus dem Büro, hinauf auf die Hügel
Während viele junge Italiener das Land verlassen, entschieden sich Matteo und Michele für den entgegengesetzten Weg.
Beide hatten internationale Karrieren begonnen, mit Jobs in Italien, Spanien und Schweden. Und kehrten dennoch zurück, um einen alten Traum zu verwirklichen: ein eigenes Agriboutique in der Toskana.
Vitalenta ist ein Familienbetrieb: in der Küche steht Micheles Mutter Barbara, eine waschechte Toskanerin aus den Bergen östlich von Florenz.
Sie kocht, wie man es aus toskanischen Familien kennt – einfach, mit wenigen, aber hochwertigen Zutaten, sicher im Geschmack.

Auf den Tisch kommen Gerichte wie Ribollita, Panzanella, toskanisches Prosciutto, Pecorino di Pienza, hausgemachte Marmeladen, Trüffel und Olivenöl aus der Region.


In den sechs Suiten im Obergeschoss fällt zuerst die Ruhe auf. Nichts wirkt neu, nichts drängt sich in den Vordergrund.
Viele der Möbel haben bereits ein anderes Leben hinter sich. Michele und Matteo fanden sie auf Märkten in der Umgebung und restaurierten sie selbst: schwere Holztüren, die heute als Garderobe dienen, eine Truhe, in der früher das Hab und Gut einer Bauernfamilie lag, ein alter Waschtisch aus einem toskanischen Herrenhaus.
Leinenstoffe, unbehandeltes Holz, Terrakottaböden. Materialien, die das Licht nicht zurückwerfen, sondern aufnehmen.

Doch das emotionale Zentrum von Vitalenta ist der Garten mit dem Duft von Rosmarin, trockenem Gras und seinem atemberaubenden Ausblick auf die toskanische Landschaft.
Hier werden auf schweren Holztischen Stefanias Gerichte serviert – begleitet von einem Glas Rosso di Montepulciano, versteht sich. Schließlich ist Montepulciano gerade mal 20 Minuten von hier entfernt.

Doch Micheles und Matteos Reise endet hier nicht.
Mit ihrem neuen Projekt Vitalenta Collection übernehmen sie als Property Manager mehrere handverlesene Ferienwohnungen zwischen San Quirico d’Orcia und dem Chianti.
Und auch auf dem eigenen Grundstück verändert sich der Ort weiter.
Neben drei lustigen, tibetanischen Zwergziegen sollen bald Hühner und Wachteln dazukommen. Und auch international wird man auf Vitalenta aufmerksam: „Der Mai ist schon fast ausgebucht mit Gästen aus aller Welt“ sagt Michele augenzwinkernd.
Ein Satz, der weit entfernt ist von jenem Nachmittag auf der staubigen Nebenstraße, als alles noch Wunschdenken war – und doch genau daraus entstanden ist.






