Wer durch Italien reist, erlebt auf erstaunlich kurzer Distanz große Unterschiede.
Die Architektur wechselt, der Rhythmus des Alltags verschiebt sich, Italienisch klingt auf einmal ganz anders. Hundert Kilometer können sich anfühlen wie ein Länderwechsel.
In den meisten europäischen Staaten wirken regionale Unterschiede wie Variationen eines gemeinsamen Kerns. In Italien fehlt dieser eine Kern.
Stattdessen begegnet man einer Vielzahl von Bräuchen, Küchen und Mentalitäten, die gleichberechtigt nebeneinander bestehen. Das macht Italien nicht nur vielfältig, sondern innerhalb Europas außergewöhnlich.
Ein Land in Bruchlinien: zwischen Alpen, Apennin und Meer
Italiens Vielfalt beginnt mit seiner Geografie. Kaum ein europäisches Land vereint auf so engem Raum derart unterschiedliche Landschafts- und Klimazonen.
Zwischen dem alpinen Hochgebirge des Aostatal, der feuchten Ebene des Po-Tals und den trockenen Küstenlandschaften des Salento liegen Welten, die seit Jahrhunderten eigene Wirtschafts- und Lebensformen hervorgebracht haben.
Hinzu kommt eine räumliche Struktur, die Austausch erschwerte. Während Flüsse wie der Rhein oder die Seine in anderen Teilen Europas Handel, Verwaltung und kulturelle Angleichung förderten, blieben Italiens Flüsse kurz, unberechenbar und regional begrenzt.

Der Apennin war Jahrhunderte lang eine Barriere zwischen Ost und West

Der trockene Süden steht im direkten Kontrast zum regenreichen Norden Italiens
Einzige Ausnahme bildet der Po im Norden, doch selbst er ist nur begrenzt schiffbar.
Statt Verbindung prägten natürliche Barrieren das Land.
Der Apennin zieht sich von Nord nach Süd durch die gesamte Halbinsel und teilt sie in unzählige Täler und Küstenstreifen. Orte, die auf der Landkarte nah beieinander liegen, waren lange schwer erreichbar. Ost- und Westküste entwickelten unterschiedliche wirtschaftliche Ausrichtungen, selbst innerhalb derselben Region.
Auch das Meer wirkte ambivalent. Städte wie Venedig, Genua oder Neapel waren über Jahrhunderte stärker mit dem Mittelmeerraum verbunden als mit ihrem Hinterland.
Handel, Migration und kultureller Austausch florierten entlang der Küsten, während das Landesinnere oft isoliert blieb.
Diese geografischen Bedingungen schufen ein Geflecht eigenständiger Regionen. Vielfalt entstand hier als Folge der Landschaft.
Italien als kulturelles Mosaik
Italien war über Jahrhunderte ein Land der Ankünfte.
Bereits ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. gründeten griechische Siedler Städte im Süden der Halbinsel.
Orte wie Tarent oder Syrakus orientierten sich kulturell und wirtschaftlich an der Ägäis. Theater, Stadtanlagen, religiöse Kulte und Essgewohnheiten folgten griechischen Vorbildern – lange bevor Rom zur dominierenden Macht wurde.

In Palermo sind die arabischen Einflüsse unübersehbar
Sizilien erlebte besonders viele Umbrüche. Nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches wechselten hier ab dem 9. Jahrhundert n. Chr. die Herrschaften rasch. Arabische Emirate führten neue Bewässerungssysteme ein und brachten Zitrusfrüchte, Zuckerrohr und Couscous. Als normannische Herrscher im 11. Jahrhundert die Insel übernahmen, verdrängten sie diese Strukturen nicht. Sie nutzten sie weiter. In Palermo existierten Kirchen, Moscheen und Paläste zeitweise nebeneinander – Architektur und Verwaltung wuchsen Schicht für Schicht.
Auch auf dem Festland blieb politische Einheit die Ausnahme. Neapel war vom 13. bis ins 19. Jahrhundert Hauptstadt eines eigenen Königreichs, zunächst unter französischem, später unter spanischem Einfluss.
Rom war religiöses Zentrum Europas und zugleich Teil des Kirchenstaates, der sich bis 1870 über weite Teile Mittelitaliens erstreckte und als geistliche Territorialmacht eine politische Verbindung zwischen Nord und Süd über Jahrhunderte verhinderte. Der Norden wiederum stand zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert unter starkem österreichischem Einfluss.

Das Palazzo del Municipio in Triest ist ein gutes Beispiel für den Habsburger Einfluss in Norditalien
Keine dieser Mächte kontrollierte je die gesamte Halbinsel und Fremdherrschaft blieb regional begrenzt. In den Bergregionen Kalabriens, den Tälern der Abruzzen oder im apenninischen Hinterland Umbriens änderte sich der Alltag über Jahrhunderte kaum. Bräuche, lokale Ordnungen und Dialekte blieben stabil, auch wenn sich Herrschaftsverhältnisse änderten.
So entwickelten Städte und Regionen eigene Blickrichtungen. Venedig orientierte sich seit dem Mittelalter am östlichen Mittelmeer, Genua am westlichen, Apulien am Balkan. Diese unterschiedlichen historischen Verflechtungen prägen Selbstbilder und Mentalitäten bis heute.
Ein Land, das sich selbst nicht verstand
In Italien lässt sich Vielfalt nicht nur sehen oder schmecken, sondern auch hören. So wie sich Traditionen, Bräuche und soziale Strukturen örtlich entwickelten, so taten es auch die Sprachen, die man auf der italienischen Halbinsel sprach.
Ausgangspunkt war das gesprochene Latein der Römer. Nach dem Zerfall des Römischen Reiches im 5. Jahrhundert entwickelte sich dieses Latein regional weiter.
Abgeschnittene Täler, weit voneinander entfernte Städte und unterschiedliche Einflüsse führten dazu, dass sich eigenständige romanische Sprachen herausbildeten: Neapolitanisch, Sizilianisch, Venezianisch, Lombardisch, Piemontesisch, Sardisch und viele andere. Diese Varianten unterschieden sich nicht nur im Akzent, sondern im Wortschatz, in der Grammatik und im Satzbau.
Selbst auf kurzen Distanzen können auch heute Dialekte vollkommen unterschiedlich sein – zum Beispiel zwischen Bari und Lecce, zwei Städte derselben Region, die kaum 150 Kilometer voneinander entfernt sind.
Wortschatz, Aussprache und Satzmelodie unterscheiden sich so stark, dass gegenseitiges Verstehen lange nicht selbstverständlich war. Auch heute kann ein Leccese einen Barese kaum verstehen, wenn derjenige in seinem lokalen Dialekt spricht.

Über Jahrhunderte hinweg waren örtliche Sprachen Italiens voll funktionsfähig. Sie regelten den Alltag und die soziale Ordnung. Eine übergeordnete Hochsprache war nicht nötig, weil es keinen übergeordneten Staat gab.
Das Italienische, wie wir es heute kennen, entwickelte sich vergleichsweise spät. Es basiert auf dem toskanischen Stadtdialekt, genauer auf der Sprache von Florenz. Autoren wie Dante Alighieri, Petrarca und Boccaccio schrieben während der Renaissance bewusst in dieser Volkssprache und verliehen ihr literarisches Prestige. Dennoch blieb sie lange nur eine Schriftsprache der Gebildeten.
Noch um 1861, zur Zeit der Gründung des italienischen Königreichs, sprachen nur etwa 2,5 % der Bevölkerung Italienisch – die meisten davon natürlich Toskaner.
Für den Rest der Bevölkerung war es eine Fremdsprache, die sie nun in Schule, Kirche oder Verwaltung lernen mussten. Zu Hause, auf dem Markt oder im Dorf wurde weiterhin die regionale Sprache gesprochen.

Erst im 20. Jahrhundert – durch Schulpflicht, Militärdienst, Radio und später Fernsehen – setzte sich Italienisch langsam als gemeinsame Alltagssprache durch. Die hunderte regionalen Dialekte verschwanden jedoch nicht und sind bis heute für Italiener besondere Träger von Identität, Nähe und Herkunft.
Wer gut Italienisch kann hört in Italien bei seinem Gegenüber in der Regel sofort heraus, wo er herkommt – meist nicht nur, ob es Norden, Süden oder eine der Inseln ist, sondern die genaue Region oder sogar die Stadt.
Italien ist ein Raum, in dem viele Geschichten gleichzeitig weiterleben. Italien ist niemals gleich Italien – was man in einem kalabresischen Dorf aufgetischt bekommt, wird man in einem toskanischen Dorf niemals zu Gesicht bekommen.
Die Art Auto zu fahren ist anders, die Effizienz der Behörden, die Hilfsbereitschaft, die Wahrscheinlichkeit für Regen im April – wer nach Italien reist, reist nicht einfach nach Italien. Er reist nach Kalabrien. Nach Piemont. Oder Sizilien, Venetien. Und jedes Mal ist es ein anderes Italien.



