Italien ist für viele Deutsche mehr als ein Reiseziel. Es ist ein Sehnsuchtsort mit Kultstatus – geprägt von Sonne, Landschaften, jahrhundertealten Städten und einer Alltagskultur, die Nähe, Genuss und Zeit neu definiert.
Viele können diese Faszination nur wenige Wochen im Jahr ausleben – für andere wird sie konkret. Wenn Badeanstalten am Ende der Saison schließen, bleiben sie.
Nach Italien auszuwandern ist für sie das Ergebnis eines längeren inneren Prozesses – eines Abwägens zwischen dem, was sicher und vertraut ist, und dem, was lockt.
Erst an diesem Punkt beginnt die eigentliche Spannung. Denn Italien ist nicht gerade ein Land, das mit Stabilität oder Effizienz wirbt.
Und doch leben aktuell über 35.000 deutsche Staatsbürger dauerhaft in Italien – eine Zahl, die sich seit Jahren auf konstantem Niveau hält.
Warum nach Italien auswandern – trotz allem?
Wer nüchtern rechnet, entscheidet sich selten für Italien. Löhne sind niedriger als in Deutschland, staatliche Strukturen gelten als schwerfällig.
Doch Deutsche, die nach Italien auswandern suchen keine Karrierechancen, sondern ein anderes Verhältnis zum Leben: mehr Zeit, mehr Nähe, mehr Bewusstsein.
Sie ziehen immer mehr in Regionen, die lange als strukturschwach galten – Kalabrien, die Abruzzen, Sizilien oder die Berge Sardiniens.
Hier sind Immobilien günstig, die lokale Trattoria kennt keine Touristenmenüs und, wie es Auswanderin Jule auf ihrem Blog Expedition-Abruzzen wunderbar formuliert “ .. alles ist ein bisschen vintage, ohne es zu wollen.“

Auswanderin Jule zeigt auf ihrem Blog die geheimnisvolle Region Abruzzen (©Expedition Abruzzen)
Ein Zielland, das die Einheimischen verlassen
Doch während Italien zu den Top Ländern für deutsche Auswanderer zählt, verlassen wiederum hunderttausende Italiener jedes Jahr ihr Land.
Viele von ihnen sind jung, gut ausgebildet – und auf der Suche nach Stabilität und beruflicher Perspektive. Deutschland ist dabei das Land, in dem die meisten ausgewanderten Italiener leben – rund 800.000.
Dieses Nebeneinander zweier Bewegungen folgt unterschiedlichen Logiken.
Italiener verlassen ihr Land aus strukturellen Gründen: fehlende berufliche Perspektiven, unsichere Arbeitsverhältnisse, geringe soziale Mobilität. Die Entscheidung ist häufig pragmatisch – getragen vom Wunsch nach Stabilität, Planbarkeit und wirtschaftlicher Sicherheit.
Deutsche hingegen, die nach Italien auswandern, kommen meist aus einer anderen Ausgangslage. Sie verlassen kein Mangel-, sondern ein Überfluss-System. Ihre Entscheidung ist seltener ökonomisch motiviert, sondern kulturell und biografisch.
Deutsche Lebensentwürfe in Italien

Mit Casa Abruzzo haben Zita und Carlos ein eigenes Unternehmen in den Abruzzen geschaffen (©casa-abruzzo)

Raphaela bietet geführte Wandertouren auf den Ätna und ganz Sizilien (©Rundum Sizilien)
Wer nicht als Rentner nach Italien zieht, nutzt zum Arbeiten die Errungenschaften der Corona-Zeit: Home Office (oder wie es in Italien vielleicht noch zutreffender heißt: „Smart Working“) und in Deutschland angestellt bleiben.
Oder sie nutzen die Beliebtheit Italiens als Reiseland und gründen ihr eigenes, kleines Business: wie das Münchener Paar Zita und Carlos von Casa Abruzzo, das mit Herzblut ein altes Haus in den Abruzzen in ein Gästehaus umgewandelt hat und Kochkurse und geführte Outdoor-Aktivitäten anbietet.
Viele deutsche Auswanderer entwickeln in Italien genau daraus neue Erwerbsmodelle. Sie verbinden ihre Herkunft, ihre Sprache und ihre Ortskenntnis zu Angeboten, die sich an ein deutschsprachiges Publikum richten – oft klein, persönlich und gut im lokalen Alltag verankert.
Zum Beispiel das Hinterland Siziliens auf geführten Wandertouren mit Raphaela von Rundum Sizilien oder Einblicke in den Familienalltag in Kampanien von Sarah und Massimo von Die 5 wandern aus.
Ob Ankunfts- oder Auswanderungsland: Italien ist ein Ort, an dem sich Lebensentwürfe neu ausrichten. Dabei spielen nicht immer Karriere und finanzielle Sicherheit die entscheidende Rolle.


